Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Die Anzahl der verdienten roten Karten für Friedrich Merz übersteigt die Gesamtmenge aller bei der Fußball-WM vergebenen roten Karten. Trotzdem ruft niemand an.

Fußball-WM mit göttlicher Intervention

Die Anzahl der verdienten roten Karten für Friedrich Merz übersteigt die Gesamtmenge aller bei der Fußball-WM vergebenen roten Karten. Trotzdem ruft niemand an.

Manchmal wünscht man sich ein sichtbares Zeichen göttlicher Gerechtigkeit. Stattdessen bekommt man ein sichtbares Zeichen des US-Präsidentendarstellers Donald Trump, der sich für Gott hält. Oder für etwas noch Größeres.

Für mich als dem Fußball eher abgeneigten Menschen und jemanden, der die Strukturen der FIFA unter ihrem Präsidenten Gianni Infantino für mafiös hält (mit dem Unterschied, dass die FIFA wirklich global operiert), ist die Fußball-WM eigentlich etwas, was ich nicht mitverfolge.

Allerdings kann man der Berichterstattung nicht entgehen, und manchmal zaubert sie auch ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn ich beim Frühstück Zeitung lese und weiß, dass in der Nachbarschaft die Gärten zur gleichen Zeit wieder von Deutschlandfahnen befreit werden.

Entgangen sind mir auch nicht die Nachwehen des Spiels zwischen den USA und Bosnien-Herzegowina im Sechzehntelfinale. Der US-amerikanische Stürmer Folarin Balogun kassierte eine rote Karte und wäre somit für das nächste Spiel gegen Belgien gesperrt gewesen. Trump telefonierte jedoch mit Infantino, und ganz zufällig wurde die Strafe von Balogun zur Bewährung ausgesetzt. Er konnte also gegen Belgien mitspielen, was die USA allerdings nicht vor einer krachenden 1:4-Niederlage gegen Belgien bewahrte. Belgien kann halt besseren Fußball und besseres Bier.

Diese Art der Intervention würde man nicht einmal bei Putin und Erdoğan erwarten. Eher bei einem Despoten eines mittelklassigen Bananenstaates.

Arbeitnehmer bekommen rote Karte

Lösen wir uns aber mal vom Fußball und den überbezahlten Spielern und tauchen ein in den Alltag ganz normaler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland. Widrigkeiten wie drohenden Arbeitsplatzverlust durch KI oder Managementfehler lassen wir genauso beiseite wie Inflation und andere Krisen. Es gibt noch genügend andere Dinge, welche die Gesundheit des arbeitenden Teils der Bevölkerung beeinträchtigen.

Laut unserem Bundeskanzler werde in Deutschland zu wenig gearbeitet. Schuld daran sei der reguläre Acht-Stunden-Tag und das häufige Krankfeiern. Mit anderen Worten und in Anlehnung an einen seiner Vorgänger:

Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.

In your face. So macht man das in Deutschland, wenn man zu feige ist, sich das Geld dort zu holen, wo es haufenweise vorhanden ist. Stattdessen sieht eine geplante Reform der Krankschreibung vor, die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung wieder abzuschaffen und gleichzeitig einen Krankenschein ab dem ersten Tag einzufordern. So etwas ist eine Kultur des Misstrauens. Man zeigt auf diese Weise den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die rote Karte, obwohl man selbst ein grobes Foul begeht. Sinn der telefonischen Krankschreibung – da kann man einfach mal den eigenen Hausarzt fragen – ist die Vermeidung von Ansteckungen im Wartezimmer. Gleichzeitig wird damit die ohnehin bereits überfüllte Praxis entlastet. Zusätzlich ist es auch bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen schlichtweg unzumutbar, damit zum Arzt zu fahren. Friedrich Merz selbst wird wohl nie mit Durchfall im Wartezimmer sitzen.

Im Übrigen sind die Ausfälle von ein bis zwei Tagen nicht der größte Kostenfaktor im Gesundheitssystem, sondern die chronisch Kranken. Warum es so viele Krankschreibungen am Montag gibt, könnte man mit etwas Nachdenken auch anders erklären als mit Faulheit.

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