Den Adel zusammen mit der AfD in einen Topf zu werfen, hört sich gewagt an. Ein Teil des ehemaligen Adels hegt aber mehr als nur Sympathie.
Zielgruppe für Klatsch und Tratsch
In meiner Kindheit und Jugend gab es eine ganze Reihe von Zeitschriften und Illustrierten, die ich regelmäßig bis gelegentlich las. Stern, Hörzu, MAD-Magazin, YPS-Hefte (was immer wieder zu Konflikten mit meinen Eltern führte), gelegentlich die Tina aus dem Zeitungsständer zu Hause. Absolut täglich erhob ich mit Erwerb der Lesefähigkeit Anspruch auf Zugriff auf die Tageszeitung. Vorzugsweise beim Frühstück — bis heute hat sich das nicht geändert, auch wenn die Papierform der digitalen Form gewichen ist.
Zu keinem Zeitpunkt griff ich jedoch zu Blättern der Yellow-Press. Nicht einmal in irgendwelchen Wartezimmern. So schlimm kann bei mir Langeweile (eigentlich ein Fremdwort für mich) nicht sein, dass ich mich für Klatsch und Tratsch über High Society, Promis (A, B, C) und Adel interessiere. Titel wie von, zu oder sonstwas halte ich für absolut überholt. Der einzige Prinz, für den ich mich interessiere, ist der mit der Rolle. Für alles andere gehöre ich vermutlich auch nicht zur Zielgruppe.
Von daher ist es für mich nicht erklärbar, warum ich auf die Idee kam, mir die Dokumentation vom ZDF, „Die geheime Welt des deutschen Adels“, anzusehen. Es wird wohl eher nicht in einem Zustand geistiger Umnachtung gewesen sein.
Die AfD und der Adel
Die Dokumentation fängt an, wie man sich so eine typische Adels-Dokumentation vorstellt. Passende Musik, tolle Locations, warme Farben und irgendwo im Hintergrund vermutlich ein Einhorn, welches gerade kotzt.
Sofern man die ersten Sekunden aushält, fängt einen die angenehme Art des Journalisten Jochen Breyer. Ruhig und neugierig führt er durch die gesamte Dokumentation. Was zunächst aussieht wie ein Hochglanzbericht, hat tatsächlich Ecken und Kanten. Die jungen Adeligen sind durchaus sympathisch, der Unterhalt eines Schlosses schon fast ruinös und über die Erbfolge (nur der männliche Erstgeborene) kann man nur den Kopf schütteln. Wäre das alles, würde ich nicht darüber schreiben.
Der entscheidende Moment, wo es richtig spannend wird, ist der, als das Stichwort „Zweite Enteignung“ zum ersten Mal fällt. Nach dem 2. Weltkrieg fand in der Sowjetischen Besatzungszone (später die DDR) eine sogenannte Bodenreform statt. Dabei kam es im großen Stil zu Enteignungen von Grundbesitzern, darunter auch die Adeligen.
Im Zuge der Wiedervereinigung hegten die betroffenen Familien die Hoffnung, ihren enteigneten Besitz zurückzuerhalten. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Kohl entschied, gestützt von einer Lüge, jedoch anders. Es wurde lediglich angeboten, den ehemaligen Grundbesitz von der Bundesregierung zu erwerben. Die Betroffenen empfanden das als eine zweite Enteignung.
Enteignung führt zu Unmut
Nicht nur die Familie von Prinz Reuß (der mit den Reichsbürgern …) traf das hart, sondern auch andere wie etwa eine gewisse Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch (heute AfD). Sie gilt als Mitbegründerin des Vereins Göttinger Kreis, dessen erklärtes Ziel die Wiedergutmachung der Enteignung war. Im Laufe ihres Lebens führte die zunehmende Desillusionierung zur Radikalisierung.
Die „zweite Enteignung“ entschuldigt in keinster Weise das Eintreten für eine in Teilen gesichert rechtsextreme Partei. Die Dokumentation zeigt allerdings auf, dass die Wirklichkeit manchmal doch etwas komplexer ist, als man denkt. Egal wie man zum Adel steht — die zweite Enteignung, basierend auf einer Lüge, stellt ein Unrecht dar.
Mehr zum Thema gibt es auf der Infoseite vom ZDF „Mein Vater ist kein Terrorist. Er wollte Thüringen zurück“ sowie in der Dokumentation selber.
Ein Kommentar
Fällt mir eine Doku über den Adel ein, in dem eine von und zu (Namen habe ich vergessen) erzählte, wie schwer es der Adel hat. Zitat: „Wer einmal als Kind zu nachtschlafender Zeit durch die langen, kalten Gänge eines Schlosses gegangen ist, um auf die Toilette zu gelangen, der weiß, wie furchtbar das ist, ein solches Anwesen zu besitzen.“ Mein Mitleid hält sich trotzdem in Grenzen.