Neun Gramm Zucker pro Keks – und ich hab’s jahrelang nicht gelesen. Ein ehrlicher Blick darauf, was Zucker im Körper anrichtet und warum wir so selten hinschauen.
Zehn Teelöffel
Auf der Kekspackung vor mir stehen neun Gramm Zucker. Pro Stück. Ich habe das heute zum ersten Mal gelesen – obwohl ich diese Kekse seit Jahren kaufe. Das sagt vielleicht mehr über mich aus als über den Keks. Aber es sagt auch etwas über Zucker: Man schaut einfach nicht hin. Und genau das ist das Problem.
Irgendwann vor ein paar Wochen habe ich angefangen, genauer hinzuschauen, was eigentlich drinsteckt in dem, was ich täglich esse. Nicht aus einem dieser Lifestyle-Momente heraus, nicht weil mir jemand einen Podcast empfohlen hat – sondern weil mich schlicht interessiert hat, wie das funktioniert. Was ich rausgefunden habe, war unangenehm genug, um darüber zu schreiben.
Wir essen zu viel. Deutlich zu viel.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 50 Gramm Zucker am Tag – das entspricht etwa zehn Teelöffeln. Deutsche Frauen kommen im Durchschnitt auf 61 Gramm, Männer auf 78. Kinder liegen zum Teil noch höher. Das ist kein Randproblem, das sind Durchschnittswerte.
Jetzt könnte man sagen: Na und, ein bisschen Zucker schadet doch nicht. Stimmt. Aber es ist eben nie „ein bisschen“. Der Körper antwortet auf jeden Zuckereinschlag mit Insulin – und wenn das ständig passiert, wird er irgendwann unempfindlich dagegen. Insulinresistenz. Und von dort ist der Weg zu Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und Schlaganfall kürzer, als man gerne glaubt.
Das Hinterlistige ist: Man merkt es meist nicht.
Zucker versteckt sich. Nicht nur im Keks – auch im Joghurt mit Fruchtgeschmack, im Fertigsalat, in der Tomatensauce aus dem Glas. Und dann unter Namen, die kein normaler Mensch auf Anhieb einordnet: Maltodextrin, Glukose-Fruktose-Sirup, Gerstenmalzextrakt. Alles Zucker. Der Körper macht keinen Unterschied – auch nicht zwischen raffiniertem Zucker und dem vermeintlich gesunden Agavendicksaft oder Honig. Gleiche Wirkung, nobleres Label.
Und dann ist da noch die Sache mit dem Gehirn
Zucker aktiviert das Belohnungssystem. Das klingt harmlos, ist es aber nicht ganz – denn dieser Mechanismus ist strukturell dem ähnlich, was bei anderen Substanzen zur Abhängigkeit führt. Wer mal versucht hat, Zucker konsequent zu reduzieren, kennt die ersten Tage: Müdigkeit, Gereiztheit, echte Entzugserscheinungen. Das Gehirn will seinen Kick.
Nach ein paar Wochen ohne – oder mit deutlich weniger – soll sich das umkehren. Bessere Haut, stabilerer Blutdruck, weniger Heißhunger. Und: Süßes schmeckt irgendwann zu süß. Was mich gleichzeitig hoffnungsvoll und leicht traurig stimmt.
Ich esse übrigens noch den Keks. Aber ich habe auf die Packung geschaut. 9 Gramm Zucker. Pro Stück.