Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Erneut ringt in Deutschland eine Generation mit der Wehrpflicht. Diese ist in der Bundesrepublik wichtiger denn je geworden.

Damals im kalten Krieg

Vergangenen Freitag demonstrierten bundesweit Schüler:innen gegen den neuen Wehrdienst. Dieser ist gedacht als Antwort auf die veränderte sicherheitspolitische Lage. Was wir hier haben, ist ein Interessenskonflikt. Auf der einen Seite das Bedürfnis junger Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung, auf der anderen Seite das Interesse des Staates, genau das für alle in Deutschland lebenden Menschen zu erhalten. Dem Individuum steht die Gesellschaft gegenüber.

In der Süddeutschen Zeitung wurde eine der Demonstrierenden wie folgt zitiert:

Ich habe das Gefühl, dass es am Ende eine Wehrpflicht gibt. Und ich mache mir Sorgen um meinen 13-jährigen Bruder.

Jetzt mal Butter bei die Fische. Eine Wehrpflicht bedeutet nicht, dass man automatisch zur Bundeswehr eingezogen und den Dienst mit der Waffe leisten muss, möglicherweise sogar an die Front geschickt wird. Ein Blick in meine eigene Vergangenheit: Ich bin Jahrgang 1971. Für meinen Jahrgang galt noch die Wehrpflicht, ich musste zur Musterung. Das war lediglich eine grundsätzliche Feststellung der Wehrtauglichkeit. Wurde man nicht ausgemustert, bedeutete dies allerdings dann, seinen Grundwehrdienst ableisten zu müssen, wenn man nicht den Dienst an der Waffe verweigerte. In dem Fall hatte man Zivildienst abzuleisten. Das tat ich dann, so wie nicht wenige in meiner Generation und so wie mein fünf Jahre jüngerer Bruder auch.

Es war, so mein Eindruck, eine Wahlfreiheit, auf welche Weise man einen Teil seiner Lebenszeit für die Gesellschaft aufbringen wollte.

Bundeswehr als Feindbild

Im Freundeskreis war die Bundeswehr so etwas wie ein Feindbild. Wir wollten keine Waffen tragen, sondern Völkerverständigung. Die Bundeswehr hatte in unseren Augen auch ein Imageproblem als Hort Ewiggestriger. Warum überhaupt noch eine Bundeswehr, wenn die UdSSR zusammengebrochen war und die Zeichen überall auf eine globale Entspannung hinwiesen? Wir blendeten freilich aus, wie viele Konflikte es rund um den Globus tatsächlich noch gab.

Trotzdem, von meinem damaligen Standpunkt aus betrachtet, war für mich die Entscheidung, Zivildienst zu leisten statt den Dienst an der Waffe, die richtige Entscheidung.

Allerdings ist es eine Entscheidung, die ich heute so nicht mehr treffen würde. Die sicherheitspolitische Lage ist tatsächlich eine ganz andere. Im Osten Europas tobt seit 2022 ein Krieg gegen die Ukraine —” nimmt man es genau, begann dieser bereits mit der russischen Annexion der ukrainischen Krim im Jahr 2014.

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ist etwas, was uns unmittelbar betrifft. Es ist ein Verbrechen mit zahlreichen Toten und menschlichen Tragödien auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es auch ein Angriff auf Europa und seine Sicherheitsinteressen. Wenn die Ukraine fällt, was kommt dann als nächstes? Polen, Litauen, Lettland, Estland? Die vier sind sowohl Mitglieder der NATO als auch der Europäischen Union.

Wollen wir uns verteidigen?

An die Schüler:innen, die am Freitag demonstriert haben, hätte ich eine Frage: Wie wollen wir uns verteidigen, wenn Russland nach dem Fall der Ukraine weitermacht? Wollen wir zusehen, wie weitere Länder fallen? Was machen wir, wenn russische Truppen in Deutschland einmarschieren?

Nein zu Aufrüstung, nein zu jedem Krieg sagt sich so einfach, wenn man den Krieg weit weg wähnt. Niemand sollte aber glauben, dass sich Diktatoren und Machthaber wie Putin von so etwas beeindrucken lassen. Sie nehmen sich, was sie wollen. Ohne Gegenwehr wird es nur einfacher für sie. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wie Versuche, sich rauszuhalten, dem Unrecht nachzugeben, in einer Katastrophe endeten.

Wer jetzt die Wehrpflicht als —žZwangsdienst“ ablehnt, begeht einen schwerwiegenden Fehler. Wir müssen in Verteidigung investieren, um als Demokratie zu überleben. Es sei denn, wir wollen in einem Staat von Putins Gnaden leben oder gleich als russische Enklave enden. Der Preis des Friedens darf niemals die völlige Unterwerfung sein.

3 Kommentare

  1. Danke, du hast geschrieben, was mir jedes Mal als „Text in Gedanken“ erscheint, wenn ich von diesen Protesten und Verweigerungen vorab lese und höre. Dass sie alle doch nach wie vor verweigern könnten, sollte die Wehrpflicht tatsächlich kommen, wird überhaupt nicht thematisiert, seltsam!

  2. Bin voll deiner Meinung (und hab auch die Zeit erlebt, als Bundeswehr nur Feindbild war). Zur Frage „Was machen wir, wenn russische Truppen in Deutschland einmarschieren?“singt Reinhard May in diesem unsäglichen Lies „Meine Söhne geb ich nicht“

    „… eher werde ich mit ihnen fliehen
    Als dass ihr sie zu euren Knechten macht
    Eher mit ihnen in die Fremde ziehen
    In Armut und wie Diebe in der Nacht“

    Reinhard May wird wohl kaum „in Armut“ die Fremde aufsuchen müssen. Dass nicht ALLE fliehen können, ist ihm offenbar völlig egal!

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