Wieder bedroht ein Krieg die Energieversorgung in Deutschland. Aber eigentlich geht es um die Zukunft der Menschen im Iran.
Kein Blut für Öl
Vermutlich gibt es mehr als nur die zwei Möglichkeiten, die ich derzeit sehe. Entweder tendiere ich altersbedingt zu abwägenderen Einschätzungen. Oder aber die Wirklichkeit ist komplexer geworden als früher. Nehmen wir statt „früher“ ein konkretes Ereignis: den zweiten Golfkrieg und hier insbesondere den von den USA angeführten Kampfeinsatz zur Befreiung von Kuwait. Das war im Januar 1991.
Erstaunlich deutlich kann ich mich noch an die Zeit erinnern. Eine Friedenskette um die Innenstadt in Dinslaken. Ein Teelicht in meinem Zimmer, das die ganze Nacht durch brannte. Telefonate mit meiner damaligen Freundin und neben vielen kleinen Demonstrationen gegen den Krieg eine große Demonstration in Bonn.
Ein Plakat aus der Zeit habe ich sogar aufgehoben. Ein junger Bundeswehrsoldat, dazu der Slogan „Ich sterbe gern für billiges Öl“. Wir teilten die Welt damals in Schwarz und Weiß. Krieg sahen wir grundsätzlich als böse. Ist das wirklich so einfach? Für mich änderte sich die Betrachtungsweise in den folgenden Jahren. Die jugoslawischen Nachfolgekriege, der Krieg in Afghanistan und der Einsatz deutscher Soldaten bei der Friedenssicherung. Schließlich der Krieg in der Ukraine.
Wir wollen eine Welt in Frieden, können und dürfen aber nicht zusehen, wenn andere sie in Brand stecken.
Krieg im Iran
Nach den ersten Luftschlägen der USA und Israels im Sommer letzten Jahres begann am vergangenen Freitag ein erneuter militärischer Einsatz gegen den Iran. Die USA und Israel setzen auf massive Luftschläge und können den Tod von Ajatollah Ali Chamenei für sich verbuchen. Auf ihr Konto gehen aber auch vermutlich 165 Schülerinnen einer Mädchenschule im Iran. Wie ordne ich den Krieg gegen den Iran ein? Ein Regime, das auf die eigene Bevölkerung schießt, Menschen foltern lässt und von Fanatikern angeführt wird — nein, wir reden hier nicht von den USA — hat keine Existenzberechtigung. Die Mehrheit der Menschen im Iran sehnt sich nach Freiheit.
In Deutschland feierten Exil-Iraner den Tod von Chamenei. Das ist mehr als nachvollziehbar. Da kann ich mich doch nicht ernsthaft hinstellen und sagen, der Krieg gegen den Iran sei ungerecht. Ja, er ist genau genommen völkerrechtswidrig. Vermutlich wird sich auch wie beim Irak hinterher herausstellen, dass es keine stichhaltige konkrete Bedrohung gab, auf die man umgehend reagieren musste. Die Wirklichkeit ist komplex und ich beneide unseren Bundeskanzler Friedrich Merz nicht darum, in so einer Situation die passenden Worte finden zu müssen.
Wofür ich mich allerdings schäme, sind die Menschen in Deutschland, die angesichts durch den Krieg steigender Preise an den Zapfsäulen ernsthaft die Frage stellen, ob der Krieg denn notwendig sei, und die ein sofortiges Ende des Konflikts fordern. „Frieden“ für billiges Öl. Wenn vorübergehend teures Öl der einzige Preis für die Freiheit des iranischen Volkes ist, den wir bezahlen müssen, sollten wir mehr als bereit sein, ihn zu zahlen. Das iranische Volk selbst zahlt seinen Preis in Blut. Und das schon viele Jahre lang im Kampf für Freiheit und Demokratie.