Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion hat es nicht so mit dem Teilen. Wobei sich das nicht auf die schriftliche Division bezieht.
Beschäftigte unter Generalverdacht
In der CDU und konservativen Kreisen ist man bemüht, die Schlagzeilen nicht ausschließlich dem US-Präsidentendarsteller Donald Trump zu überlassen. Sehr aktiv für ihre Partei bemüht sich die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion Gitta Connemann darum. Ihrer Meinung nach sei „Krankfeiern“ in Deutschland zu einfach, man müsse die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung wieder abschaffen. Pauschales Misstrauen gegenüber Beschäftigten ist halt etwas einfacher, als sich mit den Zahlen auseinanderzusetzen. Im vergangenen Jahr machten die telefonischen Krankschreibungen gerade einmal 0,9 Prozent aller Krankschreibungen in Deutschland aus.
Um das mal festzuhalten: Telefonische Krankschreibungen sind ein wichtiger Beitrag zum Infektionsschutz, entlasten Hausarztpraxen und dienen auch der schnelleren Genesung der Beschäftigten. Was Connemann betreibt, ist faktenfreie Polemik, ganz im Stil von Donald Trump.
Noch eine Schippe drauflegen? Kann Frau Connemann auch. Als weitere Gruppe, die auf der faulen Haut und der Gesellschaft auf der Tasche liegt, identifizierte sie die Teilzeitbeschäftigten. Gemeinsam mit anderen in der CDU formulierte sie einen Antrag für den Parteitag im kommenden Monat: „Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit“. Allein über die Begriffswahl der Lifestyle-Politikerin könnte man sich stundenlang aufregen. Wie bei den telefonischen Krankschreibungen werden auch hier Fakten und Kontext einfach ignoriert. Ein erheblicher Teil der Teilzeitbeschäftigten sind Mütter, nämlich 68,4 Prozent (2024). Statt das Recht auf Teilzeit abzuschaffen, könnte man bessere Betreuungsangebote für Kinder fordern. Aber die kosten ja Geld. Zudem müssten Unternehmen auch flexible Arbeitszeiten zulassen, um gerade für die beschäftigten Mütter attraktive Vollzeitangebote zu schaffen.
Minijobs und Ehegattensplitting sind weitere Faktoren, die Teilzeitbeschäftigte produzieren. Von Lifestyle-Entscheidungen kann man definitiv nicht reden.
Solche Scheindebatten sind allerdings kein Alleinstellungsmerkmal von Frau Connemann. Auch der niedersächsische Philologenverband polemisiert gerne an den Tatsachen vorbei.
Verschiebung der schriftlichen Division
Um die schriftliche Division ist in Niedersachsen ein Kulturkampf entbrannt. Entgegen vieler Meldungen wird diese nicht abgeschafft. Sie wird lediglich von der Primarstufe in die Sekundarstufe verschoben. Teilschritte werden in der Grundschule angebahnt, die vollständige Beherrschung erfolgt dann verbindlich in Klasse 5. Alle Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen werden die schriftliche Division weiterhin erlernen.
Es handelt sich somit um eine didaktische Verschiebung um ein Schuljahr, nicht um eine „Abschaffung“ oder einen kulturellen Niedergang des Abendlandes. Dabei ist diese Verschiebung alles andere als ein Alleingang Niedersachsens, wie etwa vom Philologenverband suggeriert wird. In anderen Bundesländern wurde diese Verschiebung bereits ebenfalls durchgeführt oder wird diskutiert. Und in Berlin ging das Ganze geräuschlos über die Bühne, da es dort eine sechsjährige Grundschulzeit gibt.
Die vorgenommene Änderung basiert auf den KMK-Bildungsstandards von Juni 2022. Es handelt sich also um eine bundesweite, wissenschaftlich fundierte Entwicklung.
Laut niedersächsischem Philologenverband hat sich die „moderne Mathematikdidaktik von Gerüstdidaktik verabschiedet“. Das Gegenteil ist der Fall. Die Reform stärkt die Gerüstdidaktik: Statt mechanisches Abarbeiten eines Algorithmus sollen Kinder erst die Verstehensgrundlagen entwickeln (Zahlverständnis, Operationsverständnis, Stellenwertverständnis), bevor sie komplexe Algorithmen lernen. Das ist klassische Gerüstdidaktik – erst das Fundament, dann das komplexe Verfahren.
Wie vor 500 Jahren
Wie weltfremd der Philologenverband zum Teil argumentiert, lässt sich besonders schön an folgendem Beispiel verdeutlichen:
Adam Ries hat die „Rechenkunst“ modernisiert, indem er das Rechnen für jedermann verständlich machte. Wo man vor 500 Jahren noch Rechenmeister brauchte, wurde dieses Wissen in Schulen geistiges Allgemeingut, ein echter Gamechanger!
Der historische Vergleich ist irreführend. Adam Ries lebte vor 500 Jahren ohne Taschenrechner, Computer oder moderne Didaktik. Die Kulturtechnik des Rechnens besteht heute darin, mathematische Zusammenhänge zu verstehen, nicht jeden Algorithmus mechanisch zu beherrschen. Sonst müssten wir auch das Wurzelziehen per Hand oder das Logarithmentafel-Ablesen wieder einführen.
Das Fazit des Volksverpetzers zu diesem Thema trifft es auf den Punkt: „Viel Lärm um nichts“. Womit wir dann auch wieder bei Connemann wären.